Advents- & Weihnachtsblog

 

Hier finden Sie während der Advents- und Weihnachtszeit Geschichten und Inspirationen zum Lesen oder Vorlesen. Geschrieben von Gastautorinnen oder mir.

Nehmen Sie sich Zeit und geniessen Sie es einfach. Tauchen Sie ein in die Welt der Märchen und Träume.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.

Ihre Cristina Wunder

         

 

Weihnachten ist...

"Oh, das auch noch", stöhnt hinter mir ein junger Mann mit dem vollen Einkaufskorb. Einige verdrehen die Augen und nicken zustimmend.

Bis jetzt in Gedanken versunken habe ich noch gar nicht mitbekommen, was da vor sich geht.

Eine lange Schlange steht an der Kasse im Supermarkt an.

Es ist Feierabend und jeder möchte wohl noch schnell etwas einkaufen.

Vor mir ist ein alter Mann. Sein spärlicher Einkauf ist bereits eingescannt und liegt vor ihm, um eingepackt und nachher daheim zum Abendessen serviert zu werden.

Der kleine alte Mann mit dem schlohweissen Haar kramt nun seine Brieftasche hervor und zählt sein Geld ab. Geduldig wartet die junge hübsche Verkäufern, die wie ein Engel aussieht mit ihrem lockigen blondem Haar.Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen von den wartenden, genervten Kunden.

"Es fehlen noch zwei Franken", flüstert sie ihm zu, als sie sieht, dass er seine Brieftasche wieder schliesst.

Der Mann schaut sie mit trüben, milchigen Augen an. Und ich sehe, es ist etwas Trauriges in seinem Blick.

Er nimmt ein Joghurt, dreht das Brot um, legt es wieder zurück. Nimmt wieder ein Joghurt und noch ein Stück Käse.

Alle sind ruhig, keiner sagt was.

Jetzt begreife ich. Er hat keine zwei Franken mehr.

Schnell nehme ich zwei Franken aus meiner Manteltasche und stecke sie der Kassierin zu.

Leise, damit es niemand hört, sage ich: "Sag ihm, es ist schon gut." 

Ich will nicht, dass er sich schämt, weil ihm das nötige Geld fehlt.

Ihr Gesicht erhellt sich.

"Ah, stimmt schon, ich habe mich verzählt." Die alten Augen des Mannes, die mit Falten umrandet sind, strahlen nun.

Er sagt nichts, nickt, dreht sich zu mir um und sieht mich mit einem Lächeln an.

Hinter mir räuspern sich ein paar Leute, aber niemand traut sich wohl diesen Augenblick zu unterbrechen.

Als ich bezahle, streichelt die Kassierin über meine Hand:  "Du bist ein Engel, das war jetzt nicht selbstverständlich."

Ich finde schon, dass es selbstverständlich ist.

Das ist doch Weihnachten, oder nicht?

 

Heute gibt es eine Geschichte von der Gastautorin ("Die Liebe kann mich mal")
Nadine Herberger:

 

 

         RATSCH!

Übergewicht kann einsam machen. Kann. Muss aber nicht. In Arianes Fall trifft die Einsamkeit zu. Und das Übergewicht. Leopold ist auch gewichtig, aber nur was seinen Geldbeutel angeht. Auch er ist einsam. Deswegen hat er die Gruppe der 'Anonymen Einsamen' gegründet. Anonym versteht sich. Niemand weiß, dass er der Gründer ist. Er verhält sich wie ein ganz normales Mitglied: einsam und leidend. Leidend vor Einsamkeit sozusagen. Die Gruppe hat nicht mehr viele Mitglieder, denn einige Mitglieder fanden sich auf Anhieb sympathisch und waren fortan nicht mehr einsam und leidend. Das Treffen am heutigen Dienstag im Gemeindesaal umfasst sage und schreibe zwei Mitglieder: Ariane und Leopold. Bestuhlt ist für über zwanzig Personen. Ariane sieht zu Leopold und sagt: „Jetzt lassen uns schon die Einsamen alleine. Wollen wir trotzdem?“ Leopold nickt, reibt sich seine Hände an den Schenkeln und steht auf. Er geht zum Rednerpult, klopft zweimal aufs Mikrofon, räuspert sich und sagt dann: „Mein Name ist Leopold und ich bin seit zwei Jahren und fünf Monaten einsam. Letzte Woche habe ich mich im Internet auf einer Partnerschaftsbörse angemeldet.“ Ariane applaudiert heftig, dann steckt sie sich beide Zeigefinger und Mittelfinger in den Mund und pfeift. Leopold zuckt die Schultern, und als sich Ariane wieder beruhigt hat, spricht er weiter: „Aber ich habe das Profil wieder gelöscht. Denn meiner Erfahrung nach mögen mich die meisten Frauen nicht meiner Selbst willen.“ Ariane nimmt ihre Finger aus dem Mund und dabei fallen ihr zwei Spucketropfen auf ihren Rock. Sie reibt sich die Finger trocken und sieht Leopold an. Dieser geht mit gesenktem Kopf zurück an seinen Platz. Ariane geht zum Pult, hustet, sagt dann: „Hi, ich bin die Susi und bin seit fünf Jahren, drei Monaten, zwei Tagen und acht Stunden einsam. Ich habe mich auch in vielen Singlebörsen im Internet angemeldet, leider ohne Resonanz. Liegt wohl an meinem Resonanzkörper.“ Sie lacht laut und haut aufs Pult. Dabei fällt das Mikrofon auf den Boden und ein pfeifendes Geräusch zwingt die beiden sich die Ohren zuzuhalten. Leopold schüttelt den Kopf und Ariane bückt sich, um das Mikrofon wieder aufzuheben.
RATSCH!

 Mit hochrotem Kopf fährt sie hoch. „Scheiße“, sagt sie und sieht Leopold mit großen Augen an, „mein Rock ist gerissen, am Arsch.“ Leopold lacht und Ariane weiß nicht, ob sie nun lachen oder weinen soll, entscheidet sich für Ersteres. Beide lachen so lange und so laut, bis sie Tränen in den Augen haben. „Weißt du was,“ sagt Ariane, „ich muss mit dem Bus fahren und hab ein Loch im Rock.“ Ariane wischt sich ihre Tränen am Ärmel ab und Leopold holt ein Taschentuch hervor. „Ich kann dich nach Hause fahren Susi“, bietet er an. Ariane errötet und sagt: „Da gibt es noch etwas: Ich heiße Ariane und nicht Susi. Mir war es peinlich, meinen richtigen Namen zu nennen. Heißt du wirklich Leopold? Ich meine, wer heißt denn heutzutage noch Leopold und ist unter 90?“ Als Leopold nicht anfängt zu lachen, murmelt sie ein „Sorry“ und beide sehen schweigend zu Boden. „Weißt du Susi, ähm, Ariane, das tat richtig gut eben. Aus Herzen lachen, auch wenn es an einem zerrissenen Kleidungsstück lag. Es war ein echtes Lachen und ich glaube, auch wenn du wegen deines Namens geflunkert hast, dass du ein echter, aufrichtiger Mensch bist.“ „Ja, das bin ich. Wie hast du das vorhin gemeint, die meisten mögen dich nicht deiner Selbst Willen?“ Leopold zuckt die Schultern und sieht an die Decke, dann sagt er: „Weißt du, manchmal kommt es mir so vor, als wenn die Menschen nicht mich sehen, sondern nur den, den sie sehen wollen.“ „Versteh ich nicht. Für mich bist du Leopold von den AE's. Immer nett und freundlich. Und hilfsbereit. Können wir gleich losfahren? Ich hab keine Lust, dass mich hier einer sieht mit dem gerissenen Rock.“ Leopold holt seinen Autoschlüssel aus der Tasche. Vor dem Gemeindesaal steht sein Lamborghini. Ariane sieht nach rechts und links und sagt: „Ist das deiner? Ich hab mich schon gefragt, wem der gehört. Ist ja der Hammer. Aber, ich werde da nicht reinpassen.“ Leopold kneift die Augen zusammen und sagt: „Ja, das ist meiner, vielleicht verstehst du nun, welche Art von Frauen auf mich steht. Und: Du passt da rein, tu nicht so, als wärst du fett. Du hast weibliche Rundungen. Das finde ich gut.“ Ariane schwitzt, als Leopold ihr die Autotür aufhält. Sie behält Recht. Das Auto ist zu eng für sie. Doch Leopold mag nicht nur weibliche Rundungen, er mag auch Herausforderungen. Also drückt und schiebt und presst er, was das Zeug hält. Ariane verfällt in Schnappatmung als er endlich die Tür schließt. Ihre Arme liegen so eng aneinander, dass sie sich nicht einmal kratzen könnte, wenn es irgendwo jucken würde. Leopold steigt ein und bemerkt, dass Ariane nicht angeschnallt ist. Er greift an ihrem Kopf vorbei, kommt aber an den Gurt nicht ran. Dann streckt er seine Zunge heraus, so wie er es immer tut, wenn er sich anstrengt, und steigt beherzt auf Ariane. Diese schreit kurz auf. Leopold entschuldigt sich in aller Form. Er sieht ihr hübsches Gesicht und lässt sein Blick tiefer wandern. Dort entdeckt er ihr, durch die aneinandergepressten Arme, wunderschöne zur Geltung kommendes Dekoltee. Er kann seinen Blick nicht abwenden. Ariane schreit ihm ins Ohr: „Schau woanders hin!“. Dabei erschrickt er so sehr, stößt mit seinem Kopf an die Wagendecke und droht zur Seite zu kippen. Ariane will ihm helfen und greift nach ihm.
Ratsch!!

Arianes Oberteil ist hinüber. Sie schickt ein Stoßgebet zum Himmel, weil sie sich heute Nachmittag dafür entschieden hat, einen BH anzuziehen. Leopold fuchtelt wild vor ihr rum und versucht, das Oberteil zusammenzuziehen. Ariane hält dies für einen Anschlag auf ihre Brüste und schieb Leopold beiseite. Er bleibt nicht nur am Schaltknüppel hängen, sondern aktiviert auch den Warnblinker. Jemand klopft an die Scheibe der Beifahrertür. Leopold beugt sich erneut über Ariane, um das Kondenswasser wegzuwischen. Hauptmeister Müllerhuber leuchtet mit einer Taschenlampe ins Innere des Lamborghinis. Den Anblick, den er dort erhascht, veranlasst ihn dazu, beide festzunehmen. Erregung öffentlichen Ärgernisses.

 

Inzwischen ist es halb zwölf Uhr nachts, und Ariane und Leopold sitzen wie zwei Schwerverbrecher auf der Wache und warten. Gegen halb eins dürfen die beiden vermeintlichen Verbrecher gehen. Von einer Anzeige wird abgesehen. Leopold bringt Ariane nach Hause. Das Einsteigen in seinen Wagen übernimmt sie alleine, nachdem er den Sitz bis ganz nach hinten geschoben hat. „Darf ich deine Toilette benutzen?“ fragt er. „Ist das dein Ernst? Hättest du nicht nach einem Kaffee fragen können? Oder ob ich eine Briefmarkensammlung habe?“ Er zieht seine Augenbrauen nach oben und Ariane tritt einen Schritt zur Seite. „Na gut, komm schon, aber bei mir setzt man sich hin.“ Als Leopold aus dem Badezimmer kommt, hält Ariane ihm eine Flasche Bier vor die Nase und sagt: „Hier, das können wir nach so einem Abend gebrauchen.“ Leopold nimmt an und folgt der frisch umgezogenen Ariane ins Wohnzimmer. Dort lassen sich beide gleichzeitig auf die Couch fallen.

Ratsch!!!

Sie sehen sich mit großen Augen an. Ariane springt sofort auf und tastet ihr Hinterteil ab. Alles in Ordnung. Doch nicht bei Leopold, er steht ebenfalls von der Couch auf. Seine Hose ist gerissen. Als die beiden dies entdecken, lachen sie von Herzen. Nach einer Weile beruhigen sie sich und setzen sich erneut auf die Couch. Zaghafter. Sie stoßen an und Leopold sagt: „Das vorhin in meinem Wagen tut mir leid. Ich wollte dich nicht einfach so anfassen.“ Ariane sieht ihn an und sagt: „Schade eigentlich. Von dir würde ich mich gerne mal anfassen lassen, allerdings in einem Raum, in dem ich keine Schnappatmung bekomme.“ Leopold nimmt Ariane das Bier aus der Hand und stellt es weg. Ariane sieht Schweißperlen auf seiner Stirn. Er befeuchtet seine Lippen mit der Zunge und fragt: „Darf ich dich küssen?“ Ariane verdreht die Augen, und sagt: „Mach schon“. Dann packt sie ihn an seinem Hemd und zieht ihn zu sich.

 

Ratsch!!!!

 

 

Der Hirtenjunge

Ein Hirtenjunge beschloss, seinen Beruf, der nicht besonders einträglich war, aufzugeben. „Was bringt es mir schon, immer Schafe zu hüten? Schafe, die nicht einmal mir gehören. Ich will fort gehen und das Glück suchen. Ich möchte reich werden  und damit ein Haus aus Gold und Silber bauen.“ Der Hirtenjunge erzählte allen anderen Hirten, dass er sich jetzt die Welt ansehen und das Glück suchen würde. Die lachten ihn aber nur aus.
Nur der alte Jonas mit dem schneeweissen Haar, der schon seit Jahrzehnten auf der Weide die Schafe hütete, lachte nicht mit, sondern beobachtete mit einem Stirnrunzeln das Treiben seines Jüngsten eine Weile. Die anderen Hirten waren ruhig geworden, denn sie hatten grossen Respekt vor dem alten Mann. Auch waren sie neugierig, was wohl er zu dieser Idee sagen würde. „Geh in die Welt und erkunde sie, such dein Glück und finde deinen Reichtum. Aber vergiss nie wo dein Zuhause ist. Und mach den Menschen Freude, wo immer du bist.“
Der alte Hirte gab ihm eine Laterne, in der eine einzelne Kerze sanft im Wind flatterte. "Hier mein Junge, nimm dieses Licht. Es wird dir den Weg zeigen.“

 

Die andern Hirten waren berührt von den Worten des alten Jonas und sie fühlten sich jetzt nicht mehr so stark in ihrem Spott. Und so beschlossen sie, dass jeder ihm etwas mitgeben würde.
Zum Schluss hatte der kleine Hirt ein grosses Stück Käse und einen Laib Brot, ein weiches Schaffell und eine alte Wasserflasche.

 

Ohne einen Blick zurück ging er mit festen Schritten in sein Abenteuer hinaus. Er lief in den Morgen hinein, rastete nur kurz am Mittag und trank nur ein bisschen Wasser und ass wenig Brot, weil er wusste, dass er sein Essen einteilen musste. Die Laterne in der Hand ging er weiter über Stock und Stein, über Gebirge, vorbei an trüben Gewässern.
Auf seiner Wanderung begegneten ihm viele Menschen, die dankbar waren über sein Licht, das unermüdlich schien. Die Kerze schien nicht auszugehen oder kleiner zu werden. Und immer wieder bekam er zu essen oder einen Schlafplatz. Er bedankte sich immer höflich bevor er wieder weiterzog, sein Glück und seinen Reichtum zu finden. Nie musste er Hunger leiden, nie im Freien übernachten.
Es war, als ob die Laterne vom alten Jonas ihn beschütze. Eines Tages sah er einen grossen hellen Stern am Himmel. „Oh, der leuchtet aber hell. Was ist das nur für ein Stern?“, staunte er.
„Der Stern bewegt sich, ich will ihm folgen und sehen, wohin er mich führt. Vielleicht zu einem König, oder zu einem Schatz, wer weiss?“ Mit plötzlicher Freude über sein Ziel erfüllt folgte er dem Stern.

 

Über einem Stall blieb der Stern stehen und der Hirt hielt unsicher an. “Über so einen verwahrlosten Stall leuchtet der Stern am hellsten? Das kann nicht sein, ich habe mich sicher verirrt oder bin dem falschen Stern gefolgt. Hier gibt es weder Schätze noch einen König." Der Hirt war enttäuscht und traurig.
Da hörte er eine junge Frauenstimme sagen: "Oh, wenn wir nur ein Licht hätten, damit wir unser Kind betrachten können. Das wäre jetzt wie ein Geschenk für uns.“
Da ging er schnell durch die kleine Luke hinein und hielt die Laterne hoch, damit er den Stall erleuchten konnte. Im Stroh neben dem Esel und einem Ochsen sassen ein junger Mann und eine Frau, die ein Kind in den Armen hielt.
Die junge Frau lächelte ihm dankbar zu: "Danke, dass du gekommen bist und uns Licht bringst.“
Obwohl er nur eine kleine Kerze in der Laterne hatte, war der ganze Stall bis in die letzte Ecke erleuchtet.
Er setzte sich zu ihnen und fühlte Wärme in sich aufsteigen als er das Kind ansah.
Da fiel ein Schatten in den kleinen Eingang des Stalls und seine Familie, die Hirten die ihn aufgezogen hatten, standen vor der Türe. Sogar der alte Jonas war da. Er lächelte und seine alten Augen strahlten.
„Was macht ihr hier?“, stotterte der kleine Hirt.
„Hast du wirklich gedacht, wir würden dich alleine auf so einen gefährlichen Weg lassen?“ Der alte Hirt legte den Arm um den kleinen Hirten und flüsterte ihm ins Ohr: “Du gehörst zu uns, bei uns bist du doch daheim.“
Die anderen Hirten standen nun alle um das junge Paar und bestaunten das neugeborene Kind, das jetzt selig in der Futterkrippe schlief.
Der kleine Hirt spürte wie ihn die Liebe zu diesen Menschen erfüllte und er wusste in diesem Augenblick, dass das grösste Glück diese Menschen waren, die ihn über alles liebten. Ihre Liebe machte ihn reich, reicher als alles Gold und Silber der Welt. Bei ihnen war er und sein Herz zuhause.

                                                                                                                               Cristina Wunder