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Der Duft der Weihnacht

In einem klitzekleinen Häuschen in einem klitzekleinen Dorf wohnte eine alte, einsame Frau, deren Name Rosa war. Da sie seit Kindheit stotterte, ging sie nicht viel unter die Leute, denn sie schämte sich deswegen. Bei ihren Einkäufen sprach sie mit niemandem und so dachten die Leute, sie sei eingebildet oder seltsam. So gingen die Jahre ins Land und Rosa lebte immer zurückgezogener und nahm fast nie mehr am Dorfleben teil. Zusammen mit ihren Tieren war sie zufrieden. Nur vor Weihnachten wurde sie immer traurig. „Es wird wieder ein trauriges und einsames Fest für mich geben“, dachte Rosa. So allein, ohne Freunde und Familie.

Am Morgen des Heiligen Abends kehrte sie gerade den Weg vor ihrem Häuschen als sie hörte, wie zwei Nachbarinnen zusammen aufgeregt tuschelten: „Oh nein, das ist eine Katastrophe. Wir müssen uns was ausdenken.“ Die andere seufzte dazu laut: „Dass die Bäckersfrau genau jetzt den Fuss brechen musste und jetzt nicht mehr backen kann. Wer macht denn jetzt die Backwaren für die Kinder?“ Die erste Frau jammerte: „Oh, das wird dieses Jahr aber ein trauriges Weihnachtsfest. Niemand kann das sonst.“ Sie gingen weiter ohne zu bemerken, dass Rosa gelauscht hatte. Jedes Jahr hatte die Bäckersfrau nämlich für die Kinder Spielzeuge aus Teig gebacken. Die Kinder jauchzten am Weihnachtsmorgen, wenn sie jeweils das süsse Geschenk vor der Türe fanden. Es war für die Kinder eine Tradition und sie freuten sich immer besonders darauf.

Rosa ging in den Hühnerstall und sammelte die Eier ein. Und als sie die vielen Eier ins Haus trug, kam ihr die Idee; sie könnte doch die Spielzeuge backen! Sie hatte genug Zeit und backen konnte sie auch. Niemand musste erfahren, dass sie die Bäckerin war. Schnell machte sie sich an die Arbeit und holte alle Vorräte hervor, die sie hatte. Hund und Katze sassen bei ihr in der Küche und schauten ihr ungläubig, aber zufrieden zu. Flink knetete sie den Teig und formte Lastwagen, Eisenbahnen, Puppen, Bälle, Zwerge und Häuser. Zum Schluss verzierte alles mit süssem farbigem Zuckerguss.

Es war Abend geworden und der Duft von ihrem Backwerk zog nach draussen durch ihren Garten und durch die Gassen ins Dorf hinein. Die Leute kamen aus ihren Häusern und Geschäften und hielten bei ihrer Arbeit inne. Alle streckten die Nase in die Luft und wunderten sich über den köstlichen Duft nach Zimt, Orangen, Nüssen und Schokolade. „Von wo kommt der weihnachtliche Duft?“, fragten die Kinder, die ihr Spiel unterbrochen hatten. Die Erwachsenen schüttelten den Kopf oder zuckten mit den Schultern. Niemand wusste woher der süsse weihnachtliche Duft kam. „Ich gehe den Duft der Weihnacht suchen“, sagte ein Junge und marschierte drauflos. Die Dorfbewohner folgten ihm und je näher sie ans Häuschen der alten Rosa kamen, desto langsamer wurden sie. Das konnte doch nicht sein? Die komische Alte backt doch sicher keine Kekse oder Kuchen, dachten die Menschen.

Aber der Junge war schon an Rosas Fenster und drückte sich die Nase platt. „Juhu, Rosa backt unsere Spielzeuge!“, rief er freudig. Da staunten die Dorfbewohner und schauten auch bei Rosa durchs Fenster. Und wirklich, da lagen die aller schönsten Spielsachen aus Teig, kunstvoll geformt und liebevoll verziert. Zuerst erschrak Rosa ein bisschen als sie die vielen Menschen vor ihrem Fenster sah. Aber sie nahm all ihren Mut zusammen und bat die Nachbarn in ihre Küche. Dann sie ging mit einem Teller, der mit süssem braunem Lebkuchen gefüllt war, zu ihnen und bot jedem freundlich etwas an. Die Kinder waren ganz aufgeregt, denn sie durften ausnahmsweise schon vor dem Weihnachtsmorgen ihre Spielzeuge mitnehmen. Das war ein Anblick! Alle, die gekommen waren, sassen oder standen in Rosas Küche und liessen sich die feinen Kuchen und Kekse schmecken. Sie lachten und unterhielten sich und niemand verspottete Rosa, wenn sie zu stottern anfing. Es war einfach wunderbar. „Die ist ja gar nicht seltsam“, meinte ein kleines Mädchen, das gerade an einem Zimtstern knabberte. Und alle gaben ihr Recht und lächelten Rosa dankbar an. Die Bäckersfrau, die mit gehumpelt war, umarmte sie: „Danke, liebe Rosa, du hast unser Weihnachtsfest gerettet.“ Alle nickten Rosa freundlich zu. Rosa war glücklich.

So einen schönen Heiligen Abend hatte sie noch nie erlebt. „Bei dir riecht es wie Weihnachten“, meinte der Junge. „Ja, das ist der Duft der Weihnacht“, fanden sie alle.

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Kommentare: 1
  • #1

    Erika Pendl (Donnerstag, 04 Januar 2018 11:17)

    Wieder so schöne Geschichte!