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Tanz mit mir

Es ist Samstag, der zweite Advent steht bevor. Die Mall ist weihnachtlich dekoriert; Engel, Weihnachtsmänner, künstlicher Schnee, Schlitten und goldene Sterne sollen uns als Kunden adventlich stimmen und unsere Einkaufslust fördern. Das Einkaufscenter ist voller Menschen, die entweder mehrere, riesige Einkaufstaschen tragen oder sich mit überfüllten Einkaufswägen einen Weg durch die samstäglichen Menschenmassen bahnen. Quengelnde Kinder werden an der Hand geführt und Ehemänner laufen ihren Frauen voraus, und deren frustrierter Gesichtsausdruck zeigt, dass sie lieber zu Hause geblieben wären. Eilig zieht eine Mutter ihr Kind hinter sich her, das Kind weint, worauf die Mutter sich umdreht und mit dem Finger droht: „Das Christkind bringt dir keine Geschenke, wenn du jetzt nicht gehorchst.“ Ich denke noch: Das arme Christkind wird jetzt auch noch zu Erziehungszwecken benutzt. Ein älteres Paar drängt sich mit dem prall gefüllten Wagen an mir vorbei, wobei ich höre, wie der Mann zu ihr sagt: „Nie mehr geh‘ ich an einem Samstag mit dir einkaufen.“ Ich kann die Antwort der Frau nicht mehr hören, aber an ihrem Gesichtsausdruck und anhand ihrer Gestik sehe ich, dass sie wohl nicht unbedingt freundlich antwortet.

Ja, da stehe ich und versuche der wunderschönen Melodie zuzuhören, die sonst anscheinend niemand wahrnimmt. Mittendrin auf einem Plateau macht nämlich ein Trio Musik. Ich kann sehen, dass der grosse grauhaarige Cellospieler sein Instrument mit einer solchen Hingabe mit dem Streichbogen streichelt, dass es einem kalt den Rücken herunterläuft. Das Cello belohnt ihn mit dunkeln, tiefen Tönen, die mich in die Welt der Melancholie mitnehmen. Der zweite Mann mit dem Bandoneon auf den Knien sitzt auf einem kleinen Schemel, wiegt sich mit der Musik, während seine flinken, langen Finger gezielt die richtigen Knöpfe drücken, und er den Balg auf und zusammen drückt. Er entlockt dem Bandeon wunderschöne, zärtliche Musik, die mich einladen zu bleiben. Seine dunklen Augen blitzen dabei, und es ist, als ob seine Sinne etwas wahrnehmen, das für uns unsichtbar ist. Und zuletzt der hagere Mann am Keyboard. Seine Hände fliegen nur so über die Tasten, seine Augen sind geschlossen und sein Kopf geht unruhig hin und her. Es scheint, dass auch er dem ihm anvertrauten Instrument nur das Beste entlockt. Der „Tango de Argentina“ ist eine traurige Ballade, die von verlorener Liebe, Sehnsüchten und Leidenschaft handelt. So bleibe ich und lausche voller Entzücken den drei Musikern. Ich spüre, wie die Musik mich einnimmt und in eine andere Welt fort trägt. Gefangen von dem zu Herzen gehenden Musikstück beginne ich mich im Takt zu wiegen. Ich drehe mich im Kreis und plötzlich legen sich zwei Arme um mich und führen mich gekonnt im Tangoschritt mit. Aufrecht schwebe ich über das Parkett, und meine Füsse scheinen zu wissen, was zu tun ist. Die Menschen bleiben zuerst stehen und schauen meinem Tanzpartner und mir ungläubig zu. Dann, als die Musik immer mehr anschwillt und sich ins Unermessliche zu steigern scheint, beginnen auch andere Paare sich im Takt zu bewegen. Kein Laut ausser der Musik und den Schuhen auf dem Parkett, die bei jedem Tanzschritt ein Tack, Tack von sich geben, ist zu hören. Die Töne werden jetzt leiser, die Ziehharmonika und das Keyboard werden stumm, nur der Cellist spielt weiter. Das Cello schreit traurig auf und die tiefen Töne versetzen mein Herz in Aufruhr. Obwohl es traurig ist, fühlt es sich stark und kämpferisch zugleich an.
Dann abrupt ist es ruhig. Kein Ton ist mehr zu hören. Es ist wie ein schneller Tod, ein schnelles Ende. Aus, vorbei. Zurück bleibt Wehmut und Sehnsucht nach mehr. Wie gelähmt stehe ich zusammen mit den Paaren da, immer noch die mitreissenden, sentimentalen Töne in uns.

Plötzlich klatscht jemand. Ich werde aus meinem Tagtraum gerissen. Eine Frau neben mir applaudiert den Musikern. Ich stimme mit ein und erkenne, dass sich nichts verändert hat seit meinem Traumtanz. Die Menschen strömen weiter an mir vorbei. Ihre Gesichter sind verschlossen und gestresst. Wohl niemand ausser der Dame neben mir und ich haben dem Musiktrio Gehör geschenkt. Schade, denke ich und gehe weiter, immer noch seltsam berührt von der Musik.

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Kommentare: 1
  • #1

    Erika Pendl (Sonntag, 10 Dezember 2017 13:54)

    Woher hast du nur diese wunderschönen Gedanken? So zum Nachdenken in dieser ach so hektischen?? Zeit!? Deine Geschichten berühren mich sehr!