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Der Engel, der Weihnachten suchte

Es war einmal ein Engel, der wollte unbedingt wissen, was Weihnachten ist. Denn im Himmel sprach niemand über das Weihnachtsfest auf der Erde. Als er einen der älteren Engel darüber ausfragen wollte, antwortete dieser schroff mit den Worten: "Ha, die Menschen feiern zwar, aber es ist nicht das Weihnachten, so wir uns das vorstellen. Ich mag gar nicht darüber reden. Es macht mich zu traurig. Also hör mir auf mit diesen Fragen.“
So beschloss der kleine Engel, auf die Erde zu fliegen und selbst herauszufinden, was und wie denn die Erdenmenschen Weihnachten feiern würden. Leise, mit sanften Flügeln flog er auf die Erde und landete in einer Stadt. Frauen, Männer und Kinder schwirrten nur so um ihn herum. Alle schienen es eilig zu haben. Da sah er einen jungen Burschen, der trotz der Kälte auf einer Stufe sass und ganz schnell in einen kleinen Kasten tippte. Neugierig ging der Engel zu ihm und fragte: "Was machst du da?“ "Hä?, fragte der Junge zurück. Der Engel zeigte auf das Gerät, das der Junge in der Hand hielt: "Das da, was ist das und was machst du damit?“Der Junge sah ihn erstaunt an und erklärte ihm dann kopfschüttelnd: "Das ist ein Handy, das weiss doch jeder. Und ich schreibe Weihnachtsgrüsse an alle. Das ist voll super und praktisch. Ich kann eine Nachricht schreiben und an zehn Freunden versenden. Cool, gell.“ Der Junge strahlte.

Der Engel verstand zwar gar nichts. Denn Weihnachtsgrüsse wurden im Himmel jedem persönlich abgegeben. Die Freude zu sehen, wie sich der andere Engel über die Grüsse und Wünsche freute, das würde er nie missen wollen.

Der junge Bursche begutachtete den Engel jetzt näher und kam zum Schluss: "Du bist ein komischer Kauz, von wo kommst du denn her? Aus dem Urwald, oder was?“ Er lachte. Der Engel fand es aber gar nicht lustig: „Ich? Dumme Frage, ich komme geradewegs aus dem Himmel, um zu erfahren, wie ihr Weihnachten feiert!“

Jetzt war der Junge nicht mehr zu halten. Er lachte und lachte. „Vom Himmel, haha und Weihnachten feiern? Vergiss es. Ich bin froh, wenn es wieder vorbei ist.“Jetzt verstand der Engel gar nichts mehr. Wie kann man sich nur wünschen, dass Weihnachten schnell vorbei ist? Im Himmel wünschen sich alle, dass es nie endet. Die Wärme, das Zusammensein, die Freude, das Glück darüber, dass Gott sich uns zeigt. Das war doch das Wunderbare an Weihnachten. "Bitte sag mir, was ist für euch Menschen Weihnachten?"

Der Junge sah ihn mit traurigen Augen an und antwortete ihm: "Du bist wirklich von einem anderen Stern. Sieh dich doch um. Die gestressten Menschen, die alle noch auf der Suche nach exklusiven Geschenken sind. Du willst wissen, wie Weihnachten bei uns ist? Nun, das erzähle ich dir gerne: Weihnachten ist nämlich dann, wenn unter dem Christbaum teure und überflüssige Geschenke liegen, wenn meine Mutter schon Wochen vorher das ganze Haus auf Hochglanz poliert und völlig gestresst in der Küche steht. Weihnachten ist, wenn mein Vater schlechte Laune hat, weil die ganze Familie am Heiligen Abend bei uns feiert und er dann nicht den ganzen Abend vorm Fernseher sitzen kann. Weihnachten ist dann, wenn am Anfang vom Abend alle so tun, als ob sie sich total gern hätten. Und je später der Abend, desto mehr Streitereien gibt es. Die Frauen zicken, die Kinder sind weinerlich und die Männer widmen sich dem Alkohol. Weihnachten ist dann, wenn mein kleiner Neffe mich fragt: Was ist das für ein Kind, das in der Krippe unter dem Weihnachtsbaum liegt? Ich sag dir, da wird’s mir anders. Ich würde lieber an diesen Abend bei meinen Freunden sein und abhängen. Sag, willst du immer noch mit uns Menschen Weihnachten feiern?“

 

Der Engel spürte einen tiefen Schmerz in seinem Herzen. Er vergass sogar, sich beim Jungen für die ehrliche Antwort zu bedanken.

Er wollte nur weg. Plötzlich fror er und er war unendlich traurig. So sehr, dass er es nicht beschreiben konnte. Jetzt verstand er, warum die älteren Engel ihm nichts darüber erzählen wollten. Sie wussten, wie sehr er Weihnachten liebte. Er breitete seine Flügel aus und da seine Augen blind vor Tränen waren, sah er nicht einmal wohin er flog.

Als er müde wurde und es schon dunkel war ruhte er sich auf einem Baumstumpf aus. In der Nähe konnte er einen Stall riechen. Und er sah ein kleines, warmes Licht flackern. Das Muhen der Kühe und das Blöcken der Schafe waren auch ganz leise zu hören. Das tröstete ihn ein wenig. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Er drehte den Kopf und sah in ein altes faltiges Gesicht, das ihn mit warmen und wachen Augen ansah. In seinen Armen trug er ein Bündel. Der Engel konnte nicht erkennen was es war. Der Alte fragte ihn freundlich: „Was machst du denn da draussen am Heiligen Abend? Ganz alleine? Und frieren tust du sicher auch.“ Soviel Zeit war schon vergangen? Er musste Stunden, nein, Tage geflogen sein. Schon stand Weihnachten vor der Türe.

Oh je und er war hier auf der Erde und nicht im Himmel. So wollte er sich auf den Weg in den Himmel zu den Seinen machen, als der alte Mann das Bündel in seinen Armen öffnete und sagte: "Schau da, das Lamm ist vor einer Stunde auf die Welt gekommen. Heute am 24. Dezember. Wie das Jesuskind. Ist das nicht schön? Ein Geschenk! Komm wir zeigen es den anderen, wie werden sich die Kinder freuen. Ein Weihnachtslämmlein.“ Als der Engel zögerte, nahm ihn der alte Mann an der Hand und sagte: “Komm, niemand soll am Heiligen Abend alleine sein." So ging der Engel mit.

Sie betraten ein kleines Holzhaus. Die Tür quietschte als der Mann sie öffnete und der Holzboden unter ihren Füssen knarrte und ächzte. Aber was war das? Der kleine Engel hörte Lachen und Singen. Er roch Orangen und Zimt und vor allem, als er in die Stube kam, sah er Menschen, die so viel Geborgenheit und Liebe ausstrahlten, dass er meinte, er wäre wieder im Himmel. Die Menschen rückten zusammen und forderten ihn auf, Platz zu nehmen. „Sei willkommen und setz dich zu uns", empfing ihn eine Frau mit roten Backen und einem fröhlichen Lachen. Die Frauen und Männer, die um den Tisch sassen, boten ihm an, ihr einfaches Mahl mit ihm zu teilen. Der Tisch war liebevoll gedeckt mit Brot, Käse, Tannenzapfen und verschieden farbigen Kerzen. Es gab feinen Orangenpunch und ganz viele Weihnachtskekse. Mhm, wie das duftete! Die Kinder am Tisch lachten und die Alten scherzten miteinander. Nein, hier gab es keinen Streit oder Stress.

Bevor sie zu essen begannen, stand der alte Mann auf und klopfte mit den Löffel auf ein Glas: "Kinder, ich hab ein besonderes Geschenk für euch.“ Die Kinder schrien und juchzten, obwohl sie das Geschenk noch gar nicht gesehen hatten. „Kommt her, forderte er sie auf. Er wickelte das Lämmlein aus dem Tuch und legte es in das bereit gemachte Stroh. Alle wurden ganz ruhig und andächtig: “So. lasst uns jetzt danken für dieses Lamm, für das Essen und für unser Zusammensein und dass er uns einen Gast geschickt hat.“ Er sah den Engel mit einem warmen und liebevollen Blick an, dass es dem Engel warm ums Herz wurde.

Da wusste der Engel: Hier war Weihnachten, das Fest der Liebe.

Zufrieden und glücklich im Herzen flog der Engel wieder zurück in den Himmel. Nur eine winzige, zarte weisse Feder, die sich leicht im Wind bewegte, erinnerte die Menschen daran, dass er einmal dort war.

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Kommentare: 1
  • #1

    Erika Pendl (Sonntag, 26 November 2017 13:49)

    Wunderschöne Weihnachtsgeschichte!So etwas zu Herzen gehendes kannst nur schreiben.Danke !