Stress...

Am Kiosk hat sich eine Menschenschlange vor der Kasse gebildet. Es ist kurz vor Feierabend und die Leute verhalten sich auch dementsprechend. Jeder möchte nach einem langen Tag nach Hause. An der Kasse sucht eine betagte Frau ihr Kleingeld zusammen. Man kann der Kassierin ansehen, dass sie Mühe hat, ruhig zu bleiben. Der blonde, grosse, schlaksige Junge mit dem Handy in der Hand seufzt lautstark und verdreht die Augen, bevor er wieder emsig in sein Handy tippt. Wahrscheinlich lässt er jetzt die ganze Welt wissen, dass hier eine alte Dame den Verkehr aufhält. Der Mann mit der Glatze und dem blauen Hemd, das Schweisspuren am Rücken zeigt, beschwert sich händeringend, dass die Pensionierten doch am Nachmittag einkaufen sollen. Die Mutter mit dem Kinderwagen mittendrin, aus dem man quengelnde Geräusche hört, stimmt ihm zu und sagt: „Also für so was habe ich wirklich keine Zeit!“
Vor mir steht eine ältere, gepflegte Dame an. Ihr Haar ist perfekt frisiert und der leichte Hauch eines Parfüms weht zu mir. Bis jetzt hat sie sich dieser Diskussion nicht angeschlossen. Doch plötzlich geht sie auf die Seite und sagt mit fester Stimme: „Seien Sie ruhig und stressen Sie nicht so.“ Erstaunt sind alle Blicke auf sie gerichtet, auch die Kassierin hält mit dem mühsamen Münzen zählen inne. „Immer diese Hetzerei!“ Die Augen der Dame funkeln jetzt, als sie mit trauriger Stimme hinzufügt: „Mein Sohn war auch immer so gestresst und hat sich wegen allem aufgeregt. Er ist mit 48 an einem Herzinfarkt gestorben.“
Sie stellt sich wieder zurück in die Reihe und ich rieche wieder ihr Parfüm. Ich habe einen Kloss im Hals und lege ihr sanft die Hand auf die Schulter. Sie drückt meine Hand ohne etwas zu sagen. Die anderen Wartenden sind ruhig und man kann sehen, dass jeder seinen Gedanken nachhängt.

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