War es ein Engel?

Ich stehe vor dem Regal und überlege, welchen Tee ich nehmen soll, als mich am Arm etwas berührt. Es ist nur wie ein leichter Flügelschlag, der meine Haut im Vorbeifliegen streift.
Überrascht drehe ich mich um und schaue in zwei grosse rehbraune Augen, die voller Wärme und Zuneigung meinem Blick begegnen. Es ist ein kleiner, dunkelhaariger Junge, der sehr zart und zerbrechlich vor mir steht und mir seine Hand entgegenstreckt. Die Mutter versucht ihn mit den Worten: „Entschuldigung, er möchte den Leuten immer die Hand geben“, von mir wegzuziehen. Ich lächle nur und lege meine Hand einfach in seine. Vertrauensvoll sieht er mich an und umfasst jetzt mit beiden Händen meine Hand und lässt mich nicht mehr los. Dabei strahlt sein Gesicht, als ob er gerade ein Geschenk bekommen hätte. Plötzlich zieht er an meinem T-Shirt und murmelt etwas Unverständliches. Da ich ihn nicht verstehe, suche ich bei der Mutter Rat. „Er will ihnen einen Kuss geben. Entschuldigung.“
Der Mutter ist es sichtlich peinlich, und sie versucht seine kleinen Finger von meiner Hand zu lösen. Der Kleine reagiert nicht, und so gehe ich in die Knie und halte ihm meine Wange hin. Der kleine Junge mit den dunklen Haaren und den Rehaugen begreift sofort und lacht laut, als ob er sein Glück nicht fassen kann. Dann haucht er mir einen Kuss auf die Wange. Der Kuss ist nur wie ein Hauch und trotzdem geht mir diese Geste ganz tief ins Herz.
Noch lange nachdem die Beiden gegangen sind, stehe ich dort und frage mich, ob es wohl ein Engel war, der mir heute begegnet ist?

Und dann erinnere ich mich, dass meine Grossmutter uns immer von Engeln erzählt hatte, die auf der Erde leben. Menschen mit einem Down Syndrom.

 

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